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Tattoo- "Azubi" in Männerdomäne

Bocholt. (fren) Sie ist Mutter zweier Teenies, 39 Jahre jung, gelernte Elektrozeichnerin und seit knapp einem Jahr wieder "Auszubildende".

Eigentlich heißt sie Katharina, doch ihr Lehrherr nennt sie gerne „Käthe". Die Lehre, die sie macht, ist kein anerkannter Ausbildungsberuf. Und sie endet auch nicht nach drei Jahren. Ihr neuer Job ist auch heute noch größtenteils „Männersache". Ihre Kunden? Von lieb und nett bis „hardcore". Ihre Arbeitszeit: manchmal bis tief in die Nacht. Ihr Gehalt: der Stolz bei einem gelungenen Job...

Seit 20 Jahren lebt Katharina Lendzian ihr Hobby. Sie malt. Vornehmlich mit Acryl. Und ihre Arbeiten können sich sehen lassen, ziehen die Blicke des Betrachters magisch an. Jetzt macht sie ihr Hobby zum Beruf. Dabei wird die Leinwand zur menschlichen Haut. Die Raesfelderin macht in Bocholt ihren Traum wahr: sie wird Tätowiererin. Und sie ist sich der Verantwortung, die dieser Beruf birgt, ganz und gar bewusst, nimmt für ihre Ausbildung eine Menge in Kauf. Um 4.40 Uhr klingelt ihr Wecker. Aufstehen. Fertigmachen. 40 Kilometer fahren bis zu ihrer Arbeitsstelle. Um 13 Uhr Mittagspause. Um 15.30 Uhr im Tattoostudio Carpe Diem in Bocholt „frisch wie der junge Morgen" nicht nur die Kunden bedienen und beraten, sondern auch die Ausbildungsinhalte lernen. Volle Konzentration ist gefragt. Und das alles neben Haushalt und Kindern.Obwohl der Beruf des Tätowierers kein anerkannter Ausbildungsberuf ist, hält ihr „Lehrmeister" Marcus Kretschmann in Sachen Ausbildungsinhalte für sie das volle Programm bereit: Hygiene („Steht an oberster Stelle und wird über Wochen vermittelt", verrät Kretschmann), Vorbereiten des Arbeitsplatzes, Zeichnen, Nadelkunde, Aufbau und Umgang mit der Tattoomaschine, Farben, Anatomische Kenntnisse, Hautkunde, Nadellöten („...auch, wenn's heute nicht mehr gemacht wird"), Schablonen fertigen, Pflege, Umgang mit Kunden und natürlich Tätowieren mit all seinen künstlerischen Facetten. Und noch zwei nicht unwichtige Punkte stehen auf dem Lehrplan: Selbstbewusstsein... und Durchhalten!
Durchhalten... Das liegt nicht jedem im Blut, weiß Marcus Kretschmann aus Erfahrung. „Ich hatte schon mehrere Anfragen", so der erfahrene Tätowierer, „aber das klappte nicht wirklich. In erster Linie muss das Interesse am Tätowieren da sein, nicht am großen Geld, das ist in unserer Branche einfach so. Mit zunehmendem Können gibt es schon mal ein bisschen Kleingeld. Ansonsten heißt es in den ersten Jahren ‘wisch und tu mal'. Und das liegt nicht jedem."

„Hätte mir das Tätowieren doch einfacher vorgestellt!"

Seit einem Jahr lernt „Käthe" nun schon die Kunst des Tätowierens. Und sie erinnert sich noch allzu gut an ihre ersten Arbeitstage in Bocholt. „Ich war total aufgeregt", lacht Katharina. Heute, zwölf Monate später, schätzt sie ihren Traumjob ganz realisitisch ein: „Es macht Riesenspaß, aber ich hatte mir das Tätowieren doch leichter vorgestellt." Kretschmann: „Wer ein guter Tätowierer werden will, muss üben, üben üben. Nach fünf oder sechs Jahren denkt man, man ist gut, aber da kann man getrost noch zwei, drei Jahre dranhängen." Die Angst, etwas falsch zu machen, sei nach fünf Jahren bei dem Großteil der Tätowierer zwar dem gesunden Selbstbewusstsein und auch Können gewichen. Und doch gebe es auch dann noch Herausforderungen, die höchsten Respekt erforderten. Zum Beispiel Portraits. „Wenn ich das Gesicht eines Kindes tätowiere", so der 34-jährige Studioinhaber, „und ich setze nur einen Schatten falsch, dann wird aus dem Kindergesicht das Gesicht einer alten Frau. Da ist absolutes Können angesagt."

„Frauen bevorzugen oft die Tätowiererin!"

„Käthe" muss also noch viele Jahre lernen. Doch ihre Kinder stehen hinter ihr, sind stolz auf das, was ihre Mutter macht. Und auch Kretschmann ist zufrieden. „Katharina lernt schnell, ist kreativ und fleißig und sie hat auch schon die ersten Tattoos mit Bravour gemeistert ", sagt er. Immer natürlich unter den wachsamen Augen ihres Lehrmeisters. Und er ist froh, dass sein Lehrling weiblichen Geschlechts ist. „Es gibt viele Frauen, die nun mal gerne von einer Frau tätowiert werden möchten", macht er deutlich. Dass zu seinen Kunden, wie es in der Tattoo-Szene nun mal üblich ist, nicht nur die gehören, die einen lieben und braven Eindruck vermitteln, sondern auch die Biker-, Punk- oder Metalszene zählt, ist Katharina Lendzian durchaus bewusst. „Das ist kein Problem für mich", sagt sie und lacht, „wenn es drauf ankommt, kann ich auch wohl eine klare Ansage machen. Unter Kutte und Punkfrisur steckt ja doch in der Regel ein weicher Kern." Für sie ist wie auch für Marcus Kretschmann klar: „Wer hierher kommt und einen Reichsadler als Tattoo wünscht, sucht sich am besten ein anderes Studio."

Anfangs auf Schweinehaut geübt

Doch bis zu ihrem ersten eigens gestochenen Tattoo war es bereits ein harter Weg. „Ich hab' den Marcus damals gefragt, ob ich nicht auf Schweinehaut üben könnte", schmunzelt die 39-Jährige. Okay, habe er gesagt, sie solle es probieren. „Ich musste dann allerdings feststellen, dass Schweinehaut kein Ersatz ist." Und Kretschmann ergänzt: „Die Schweinehaut ist tot, fest und nicht durchblutet und überhaupt nicht mit der Haut eines Menschen vergleichbar." Zum Üben gebe es auch Kunsthaut, darauf habe er seine „Auszubildende" auch mal üben lassen, schnell aber habe diese feststellen müssen, dass man die Art Gummimatte mit der Maschine geradezu wegfräst.

Vorsicht, Männer-Unfalltage!

Also auch kein Übungsmaterial. „Zum Einstieg ist es sinnvoller, einen Kugelschreiber in die Maschine einzuspannen und auf Papier zu üben", verrät Kretschmann. „Aber wirklich lernen kann man nur auf menschlicher Haut, denn das Stechen ist immer anders, da die Haut immer anders ist und jeder Kunde auch anders blutet."

So hält der Bocholter Studiobetreiber ein wachsames Auge auf die Arbeit seiner „Käthe". Und gibt Tipps und Hinweise, wenn es denn nötig ist. „Das klappt schon ganz gut", lacht er. „Ein bisschen selbstbewusster darf sie aber gerne noch werden." Die Männer-Unfalltage allerdings wird aber er in den nächsten Jahren noch maßgeblich bestreiten. „Das sind die Samstage im Sommer, wenn Männer ihren Tätowiertermin haben und am Vorabend einen über den Durst getrunken haben", schmunzelt Kretschmann. „Der große Kater hat keine Chance und muss dann einen neuen Termin machen. Und der kleine Kater... kann schon mal ‘aus den Schuhen kippen'..." Womit ein weiterer, nicht unwesentlicher Ausbildungsinhalt für „Käthe" hinzu käme: Immer den Cola- und Red Bull-Vorrat im Auge behalten...

Veröffentlicht am 14. Mai 2009